Das nachfolgende Essay stammt aus "UNISON" (USA) von Sept./Okt. 1990.
Übersetzt und zur Verfügung gestellt von:  Wolf


Gute Medizin für die Reise
von John H. McMurphy 


,,Wir sehen unsere Bedürfnisse und machen unsere Gebete für gute Medizin. Jeden Tag arbeiten wir für unser Ziel und danken dem Großen Geist für die Gaben des Tages. Wir erkennen unseren Platz im Universum an und übernehmen Verantwortung dafür.“
(Sun Bear: ,,Leben mit der Kraft“) 

Sun Bear drückt die Essenz indianischer Weisheit, menschliche Angelegenheiten zu regeln, in ein paar einfachen, bescheidenen Sätzen aus. Es ist angemessen, diese Weisheit einfach auszudrücken, denn der übermäßig komplexe Lebensstil der modernen Gesellschaft kann nur transformiert werden in der Zuwendung zum Einfachen, aber nicht durch unseren Lemming-Marsch auf dem gegenwärtigen Weg. Wenn wir einige seiner Schlüsselbegriffe untersuchen, wird uns
diese einfache, aber tiefe Weisheit vielleicht auf unserem Lebensweg helfen. 


Wir sehen unsere Bedürfnisse
Sun Bear scheint mit Thoreau übereinzustimmen, daß wir wissen müssen, was unsere Bedürfnisse sind (Dinge, die die Fortsetzung des Lebens unterstützen) und daß wir fähig sein müssen, sie von Bedarf zu unterscheiden (Dinge, die das Leben schicker, angenehmer, bequemer machen). Wenn wir unsere täglichen Angelegenheiten beginnen ohne unsere wahren Bedürfnisse zu sehen, können wir vitale Energie verschwenden, um leidenschaftlich unwichtigen Dingen hinterher zu jagen - Energie, die besser spirituellem Wachstum gewidmet wäre.


...und machen unsere Gebete für gute Medizin.
,,Gute Medizin“ ist Sun Bear zufolge ,,etwas, das uns jeden Tag unseres Lebens helfen sollte. Es ist nicht nur für Sonntags.“ Gute Medizin ist lebendige spirituelle Energie, die daher kommt, jeden Augenblick unseres Lebens in Harmonie und Gleichgewicht mit der Natur zu leben. Wenn wir diese Harmonie einmal erfahren haben, beginnen wir, unser Einssein mit allen Dingen zu spüren. Auf diese Weise verbinden wir uns mit allen Dingen, wenn wir beten. Wir wissen dann, daß Pflanzen die uns ernähren und Wasser, das unseren Durst stillt, erweite­re Formen unserer selbst darstellen. Dieses Gefühl der Einheit mit allen Dingen schafft gute Medizin, die unsere Umwelt durchdringt und uns bei der Aufgabe hilft, für unsere Lebensbedürfnisse zu sorgen - nicht aus Sorge, sondern aus Freude.

Jeden Tag arbeiten wir für unser Ziel 
die zeitgenössische Gesellschaft betont, das Ziel unserer Arbeit sei ,,Das Erreichen des Glücklichseins“, nicht die Bereit- stellung unserer Grundbedürfnisse. Für die meisten von uns bedeutet Glücklichsein, uns mit dem Komfort zu versorgen, den wir durch unsere Arbeit verdienen: Auto, Kleidung, elektronische Vollausstattung, schick essen, exotische Urlaubsorte usw. Wenn Luxus Bedarf geworden ist, arbeiten wir nicht mehr für unsere Bedürfnisse. Die amerikanischen Ureinwohner erkannten, daß des Leben verloren gehen kann, bei der Jagd nach dem Glück, wenn Glück nur Luxus bedeutet.

...danken dem Großen Geist für die Gaben des Tages
Als Kolumbus auf dem amerikanischen Kontinent landete, bezog sich sein erster Logbucheintrag auf die ,,Wilden hier, offenbar ohne eigene Religion“. Natürlich hatten die amerikanischen Ureinwohner keine großzügigen Kathedralen, noch enthielten ihre Sprachen Wörter für das Konzept ,,Religion“ als Mittel, die Sünde zu besiegen und das Heil zu erlangen. Sie haften jedoch eine tiefe spirituelle Beziehung zum Großen Geist, dessen Gegenwart, wie sie wußten, sich in jeder Art der Schöpfung zeigt. Indianer, die sich im Innersten auf die spirituelle Realität in allen Dingen beziehen, beten ständig zum Großen Geist - im Gegen- satz zu den Weißen, die feste Zeiten dafür setzen. Sie brauchen keine geschmückte Kathedrale, denn wo immer sie sind, ist ein spiritueller Ort, an dem sie die Gegenwart des Großen Geistes fühlen können. Daher sind Dankopfer für die ,,Gaben des Tages“ etwas Natürliches Sie würdigen die Gegenwart des Großen Geistes in ihrem Leben und danken für die Liebe, die sie in jeder geernteten Ähre und in jedem gefangenen Fisch spüren. Danken ist so natürlich wie atmen für die Ureinwohner Amerikas.

Wir erkennen unseren Platz im Universum an und übernehmen Verantwortung dafür.
Die moderne Psychologie bestätigt, daß eine der vorherrschenden menschlichen Krankheiten das Gefühl der Sinnlosigkeit des Lebens ist. Sogar Menschen mit herausragenden Karrieren leiden gelegentlich unter einem Bewußtsein, daß das Leben mehr bedeuten könnte als ihre Arbeit und andere Alltäglichkeiten. Viele nehmen Zuflucht zu Auswegen, die diese Sinnlosigkeit über- decken: Drogen, Sucht nach Annehmlichkeiten, Workaholismus, oberflächliche Spiritualität usw. Statt sich der waren Ursache ihres Mangels zu stellen, wenden sie ihre Aufmerksamkeit völlig ab.
Sun Bear schägt zwei miteinander verbundene Wege vor, um diesem Dilemma zu begegnen.
Erstens können wir unseren Platz im Universum akzeptieren. Dies mag für viele von uns eine schwierige Aufgabe sein, weil wir uns so weit vom Pulsschlag des Universums entfernt haben, daß die Anerkennung unseres Daseins im universellen Plan eine starke Herausforderung darstellt. Allerdings bedeutet diese Herausforderung einen wichtigen Schrift, um das Gefühl derSinn- losigkeit zu überwinden. Wenn wir einmal unsere Rollen im universellen Plan gefunden haben, können wir daran arbeiten, ihn anzuerkennen, auch wenn sie sich zunächst anders darstellen als wir vielleicht gehofft hatten. Eine zweite Maßnahme, um unser Gefühl der Sinnhaftigkeit zu stärken, ist, volle Verantwortung für das Leben zu übernehmen. Durch das Leben in Harmonie mit der Natur haben die amerikanischen Ureinwohner schon lange ihren Platz im Universum verstanden. Sie wissen auch, daß jede Person volle Verantwortung für ihr Leben übernehmen muß. Genau dies fällt vielen in unserer Gesellschaft schwer, weil wir ,,Umständen außerhalb unserer Kontrolle“ Schuld geben. Der Hauptgrund, uns vor unserer Verantwortung zu drücken ist unsere Isolation von der Natur, denn würden wir uns als vollständiger Teil natürlicher Beziehungen fühlen, würden wir auch verstehen, wie Menschen miteinender und mit der Natur in Beziehung stehen müssen, um Harmonie und Gleichgewicht zu schaffen. Isoliert und getrennt von der Natur haben wir kaum eine andere Wahl als Verantwortung für unser Leben zu vermeiden, denn Leben hat wenig Sinn, wenn wir uns nicht als Teil der Natur und ihrer spirituellen Energie fühlen.

Gute Medizin machen
Sun Bears einfache, aber tiefe Darstellung indianischer Weisheit kann eine Wandlung in unserem Leben initiieren. Wenn wir uns mit der spirituellen Kraft der Natur verbinden, sind wir eher in der Lage, zwischen Wichtigem und Unwichtigem zu unter- scheiden und unsere Energie stärker auf spirituelles Wachstum zu richten. Wenn wir Harmonie und Gleichgewicht der Natur in uns und um uns fühlen, werden wir außerdem eher zur Akzeptanz unseres Platzes im universellen Plan und zur Verantwortung für unser Leben kommen. Wir werden auch tiefe Dankbarkeit für die Präsenz des Großen Geistes in unserem Leben haben.
Eins ist sicher: Diese Transformation unserer Lebensweise beginnt mit einer intimen Verbundenheit zur Natur.

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